Theorie U in der Reflexion

U-Prozess zur Vertiefung und Emporhebung in der Reflexion

Vom Wunsch und Widerwillen zum Tiefgang

Vielen Trainerinnen, Coaches und Beratern geht es in den Reflexionen der Prozesse darum, „in die Tiefe“, „zum Kern“ oder „zu dem, was die Menschen wirklich bewegt“ zu kommen. Damit dies besser gelingt bietet die Theorie U von Otto Scharmer eine Strukturierungshilfe.

Typische Situationen, in denen vergeblich um Tiefgang gerungen wird, finden sich in der Trainerszene in vielen Bereichen: So bleibt ein Outdoor-Training bei den Highlights stehen, in einer Teamentwicklung traut sich keiner zu sagen, worum es wirklich geht, oder unerfahrene Trainer und Beraterinnen haben aus Fürsorglichkeit oder Angst, die Teilnehmenden zu verletzen, Sorge, dass die Emotionen hochkochen, Tränen fließen und sie das Ganze nicht mehr steuern können.

Damit eine Reflexion in diesen und anderen Situationen tiefgreifend erfolgen kann, sind drei Dinge hilfreich:

  1. Eine Reflexionsfläche mit Hilfe von Gegenständen (zum Beispiel Bildkarten) oder Bewegungen (zum Beispiel Aufstellung) anbieten. Sowohl der Dialog des Einzelnen mit sich selbst als auch mit den anderen beteiligten Personen wird durch diese Aktivierung  erleichtert.
  2. Um den Fokus der Teilnehmenden zu lenken, ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. (à „Fragen können wie Küsse schmecken“[1])
  3. Phasen der Vertiefung und Emporhebung geben eine gute Struktur, um einerseits in die Tiefe zu gehen, andererseits aber auch einen guten Abschluss zu finden.

[1]Kindl-Beilfuß, Carmen: Fragen können wie Küsse schmecken: Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene, Carl-Auer, Heidelberg, 6.Auflage, 2015

Theorie U von Claus Otto Scharmer

Bildlich gesprochen handelt der Trainer wie ein guter Arzt, der eine eiternde Wunde öffnet, diese ausräumt und anschließend sorgfältig verbindet und dafür sorgt, dass der Heilungsprozess erfolgreich „von unten“ geschieht und sich die Wunde nicht zu schnell (und nur vordergründig) schließt.

Übertragen auf die Reflexion helfen dabei viele Elementen der Theorie U [1] des Wirtschaftswissenschaftlers Claus Otto Scharmer.

Die Theorie U ist eine Zusammenstellung und Erweiterung der „Phasen der Vertiefung und Emporhebung“ nach F. Schulz von Thun[2] und R. Dilts‘[3] Modell der logischen Ebenen.

Im Folgenden sollen nur die für den Bereich der Reflexionsprozesse entscheidenden Teilaspekte der Theorie betrachtet werden. Das sehr weitreichende Modell kann in seiner Komplexität hier nicht umfassend dargestellt werden.


[1]Scharmer, Claus Otto: Theorie U. Von der Zukunft her führen, Carl-Auer, Heidelberg,4. Aufl., 2014

[2]Schulz von Thun, Friedemann: Praxisberatung in Gruppen, Weinheim, 6.,aktualisierte Aufl., 2006

[3]Dilts, Robert: Die Veränderungvon Glaubenssystemen. NLP-Glaubensarbeit, Junfermann, Paderborn, 4. Aufl., 2006

Das Modell hilft

  • sich selber als Trainerin eine Orientierung zu geben: Wo stehe ich im Reflexionsprozess? Wo will ich hin? Wie tief will ich in der aktuellen Situation arbeiten?
  • den Teilnehmenden, indem es ihnen die Sicherheit vermittelt, die benötigt wird, um sich fallen zu lassen und zu öffnen. Das Wissen, dass es nach einer Phase der Vertiefung auch wieder eine begleitete und geleitete Phase der Emporhebung gibt, erleichtert das tiefgehende Arbeiten.
  • da lösungs- und ressourcenorientierte Verfahren ermöglicht und präferiert werden.


Die Theorie U eignet sich also sehr gut, um mehr und mehr in die Reflexion einzusteigen und anschließend auch wieder in konkretes Handeln zurückzukommen.

Er beschreibt wesentliche Schritte, die Individuen und Gruppen dabei unterstützen, Muster der Vergangenheit loszulassen, eine im Entstehen begriffene Zukunftsmöglichkeit wahrzunehmen und aus dieser Wahrnehmung heraus zu handeln.

Theorie U in der Reflexion

Aufbau

Das Modell der Theorie U besteht aus vier Ebenen, drei Blickrichtungen und sieben Schritten:

Vier Ebenen
Handeln – Denken – Fühlen – Sein

1. Ebene: Handeln

Um in die Tiefe zu kommen, ist es oft einfacher, die Teilnehmenden bei den konkreten Handlungen abzuholen; denn diese sind erstens bewusst, zweitens relativ unverfänglich darzustellen und drittens auf einer Ebene, über die sich Menschen häufiger austauschen.

Dazu gehört die Frage, was die Gruppe gemacht, aber auch, was jede einzelne Person ganz konkret beigetragen hat.

2. Ebene: Denken

Auf der nächst tieferen Ebene wird nach dem Denken gefragt:

Was für Annahmen stecken hinter dem Gedachten? Was wird als gegeben angesehen und gar nicht mehr infrage gestellt? Wie sortiert der Einzelne sein Handeln ein? Was waren die Motive jedes einzelnen?

Ziel ist es, dass die Personen ihr Handeln verstehen.

3. Ebene: Fühlen

Eine weitere Ebene tiefer und für viele Menschen sehr ungewohnt ist das bewusste Nachdenken über die eigenen Gefühle. Wie geht es der Person mit ihren Handlungen und Annahmen? Wovon würde sie sich gerne trennen? Was wird als beflügelnd erlebt?

4. Ebene: Sein

Noch tiefer geht die Reflexion des eigenen Seins, der eigenen Identität, des Lebenssinns oder auch der eigenen Spiritualität.

Drei Blickrichtungen (Rückblick, Tiefblick, Ausblick)

Die Reflexion durchläuft einen chronologischen Dreiklang.

Dabei geht der Blick zunächst zurück in die Vergangenheit (Rückblick), der zweite Blick richtet sich auf die Gegenwart (Tiefblick) und der dritte Blick geht in die Zukunft (Ausblick).

Dabei ist es beim Rückblick durchaus vertretbar, wenn sich die Teilnehmenden zunächst aufs „Du“, also auf andere beziehen: „Der hat dies und jenes gemacht…“ Nach und nach beschäftigt sich jedoch jede Person mit sich selbst: „Was ist mein Anteil?“ Im dritten Schritt kommt es dann zum „Wir“, dem Blick in die gemeinsame Zukunft: „Wie wollen wir in Zukunft miteinander umgehen?“

Sieben Schritte der Theorie U

In sieben Schritten, die ich in Anlehnung an Scharmer „Handlung, Situation, Hintergrund, Identität, Hoffnung, Konzeption, Handlungsplan“ benenne, durchlaufen die Teilnehmenden die drei Blickrichtungen und vier Ebenen.

Im Folgenden werden diese Schritte kurz vorgestellt und durchein Praxisbeispiel ergänzt, in dem eine Person ihre persönliche (Un-)Zufriedenheit im Leben reflektieren möchte.

Das Setting ist eine Coaching-Wanderung. Das Besondere bei diesem Prozess ist die bewusste Gestaltung der sieben Schritte sowie die große Bedeutung der Aktivierung in jeder Phase, welche die Wirkung der Coaching-Fragen erheblich verstärkt.


1. Schritt: Die Teilnehmenden beschreiben ihre Handlungen und sehen,was um sie herum geschieht. Dabei sollen die Handlungen möglichst präzise beschrieben werden.

Im Praxisbeispiel stellt die Trainerin folgende Frage:

„Heute ist ihr 80. Geburtstag und ich komme als Reporterin zu Ihnen, um Sie zu interviewen. (-> Aktivierung) Herr Meier, wenn Sie auf die 80 Jahre Ihres Lebens zurückblicken, was ist alles gut gelaufen, was würden Sie gerne anders machen/bereuen Sie?“ (-> Frage)


2. Schritt: Als nächstes überdenken die TN ihre Handlungen und begreifen die Situation. Sie sollen ihre persönlichen Handlungen verstehen und diese einordnen.

Im Praxisbeispiel wird als Aktivierung mit einem Seil ein Koordinatensystem gelegt. Dabei steht die x-Achse für alles, was tatsächlich gemacht wurde und die y-Achse symbolisiert den Grad der Zufriedenheit.

Mögliche Fragen: „Wie war Ihr Zufriedenheitslevel zum jeweiligen Zeitpunkt? Was führt bei Ihnen grundsätzlich zu einer besonders hohen Zufriedenheit? Was steht einer hohen Zufriedenheit allgemein eher entgegen?“


3. Schritt: Die Auseinandersetzung geht noch weiter in die Tiefe: Wie ist das Gefühl zu einer bestimmten Situation, einem konkreten Verhalten? Was soll bewahrt werden, was will die Person eher loslassen? „Welche Gefühle existieren im Hintergrund? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie das Ganze hier anschauen?“

Als Form der Aktivierung erfolgt nun eine Aufstellung: Nachdem das Koordinatensystem mit etwas Abstand betrachtet wurde, begibt sich die Person an eine konkrete Stelle/Position, um sich intensiv in die dort symbolisierte Situation einzufühlen.

Mögliche Fragen: „Was hat Ihre Zufriedenheit gefördert? Wer oder was hat die Situation von außen beeinflusst? Worauf konnten Sie selbst Einfluss nehmen? Was hat sie glücklich gemacht? Wovon möchten Sie sich trennen?“


4. Schritt: Hier steht die Beschäftigung mit der eigenen Identität im Vordergrund. Es geht um das elementare Sein des Menschen. Was sind die eigenen (Handlungs-)Muster? Worum geht es im großen Ganzen, was ist der Sinn? Je nach Person und Gegebenheit kann hier auch eine spirituelle Ebene erreicht werden.

Zur Aktivierung werden während der Wanderung mehrere Bildkarten auf einer ca. einen Kilometer langen Wegstrecke ausgelegt, die der Teilnehmende anschließend abgeht. Die Bildkarten, die ihn in seiner Auseinandersetzung unterstützen sollen, stellen surreale Situationen dar und stammen aus dem Gesellschaftsspiel „Dixit“ (vgl. 2.5.7). Der Teilnehmende wählt sich Karten, die ihn zu einer Frage ansprechen: „Was glauben Sie über sich? Was denken Sie über Ihr Selbstwertgefühl?“


5. Schritt: Diese Auseinandersetzung führt zu neuen, tiefergehenden und kreativen Ideen, Hoffnungen und Absichten, in welche Richtung sich das Leben entwickeln soll. Es ist die Phase des Kommenlassens des Neuen. Es geht darum, der Zukunft eine „Landebahn“ zu bauen.

Gut ist es, wenn der Aktivierungs-Spaziergang auf einem erhöhten Punkt (einem Hügel, einer höher gelegenen Terrasse, einem Fenster eines oberen Stockwerks, …) endet. Der Blick wandelt sich von der Vergangenheit über die Ist-Situation hin zur Zukunft.

Mögliche Fragen: „Wovon hätten Sie gerne mehr? Zufriedenheit kann auch heißen, zum Frieden zukommen. Welche Wege zum persönlichen Frieden haben Sie schon geschafft? Was möchten Sie gerne an Neuem ausprobieren? Wie sieht Ihr eigenes Ideal aus? Wie fühlt es sich an, sich eine neue Zukunft vorzustellen?“

6. Schritt: Hier werden neue Konzepte und konkret geplante Ziele „ergriffen“ und die strategischen Schritte zum Erreichen dieser Ziele erarbeitet.

Ausgehend von dem erhöhten Punkt werden auf dem weiteren Weg Strategiekarten platziert. (-> Aktivierung) Der Teilnehmende wählt sich eine zu ihm passende Karte aus, die er gerne weiter durchdenken und umsetzen will. Strategiekarten enthalten z.B. Aussagen wie „Mach ein Pilotprojekt“, „Suche dir Machtsponsoren“, „Erstelle einen Zeitplan“.

In diesem Schritt sind alle Fragen sinnvoll, bei denen sich die Person mit der gewählten Strategie auseinandersetzt und über mögliche Umsetzungen fantasiert. „Wie sieht ein konkretes Pilotprojekt aus? Was muss Schritt für Schritt erfolgen?“


7. Schritt: Abschließend wird fixiert, wie genau die konkrete Umsetzungaussehen wird. Es wird also ein Handlungsplan erstellt.

Das Wandercoaching zur eigenen Zufriedenheit endet mit dem Aufschreiben der konkreten nächsten Schritte auf Zetteln mit vorgefertigten Fußspuren.
(-> Aktivierung)


Gefahren, wenn eine „Abkürzung“ von Schritt 1 zu 7 bzw. von 2 zu 6 genommen wird

Wenn Handlungen (Schritt 1) im Alltag nicht weiterführen und ohne Ergebnis bleiben, werden oft voreilig neue Handlungspläne (7) entworfen. Dies ist wortwörtlich nicht tiefgreifend genug. Die Bedürfnisse der Menschen werden erst in tieferen Schichten deutlich und tragfähig. Genauso kann es sein, dass Menschen beim Überdenken einer Situation (Schritt 2) merken, dass etwas nicht passt, und direkt neue Konzepte (6) entwerfen. Auch hier sollte der Trainer schauen, ob mit mehr Zeit ein größerer Tiefgang sinnvoll und möglichist.


Schlussfolgerung

Das Modell ermöglicht, Rationales und Emotionales in einem Prozess zu vereinen; es geht nicht um „entweder oder“, sondern um „sowohl als auch“.

Die Theorie U ist weit mehr als ein Trainingshandwerkzeug. Sie ist eine Antwort auf dringende Probleme der Zeit, da sie hilft, nicht nur den sachlichen Austausch, sondern mit spiritueller Intelligenz sinnvolle und erfüllte Prozesse zu gestalten, welche die Menschen wirklich zufriedenstellen.

(Zur Verdeutlichung: Die Vier Ebenen „Handeln – Denken – Fühlen – Sein“ können auch als „praktische Intelligenz“, „rationale Intelligenz“, „emotionale Intelligenz“ und „spirituelle Intelligenz“ bezeichnet werden.)

Gerade wegen der Berücksichtigung der spirituellen Ebene hat die Theorie U eine Kraft zur Verbesserung der Lebensumstände, die rein rationalen Management-Techniken fehlt.


Zur Anwendung

Man kann das Modell dem aktuellen Bedarf entsprechend frei zusammenstellen und die Tiefe selber wählen. Auch fünf oder nur drei Schritte sind sehr hilfreich. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Erfahrungen; dem muss sich ein Trainer anpassen und erst nach und nach die Reflexionen umfangreicher und tiefgreifender gestalten.

Zwar ist es durchaus möglich, gleich alle sieben Schritte zugehen. Genauso gut kann sich die Gruppe aber im Laufe eines Trainings in ihrer Reflexionskompetenz steigern: Zu Trainingsbeginn genügt es dem Trainer vielleicht, Handlungen klar beschreiben (Schritt 1) und dann Ideen äußern zulassen (Schritt 7), wie es besser klappen könnte – wohl wissend, dass dies noch nicht tiefgreifend genug ist.

Nach weiteren Übungen sind die Teilnehmer dann schon in der Lage, die Hintergründe, Gefühle, Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen. Es kann auch ein langer Prozess über sieben Wochen sein, und jede Woche geht das (Führungs-)Team einen Schritt weiter.

Es ist immer eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit, der Bereitschaft und der Fähigkeit der Teilnehmenden, sich auf den jeweiligen Schritt einzulassen – sowie der Kompetenz des Trainers, in der Tiefe zu arbeiten.


Fazit

Die aktive Reflexion im U-Prozess ermöglicht es auch Trainern ohne Erfahrung oder mit „kopflastigen“ Teilnehmenden, zum Wesentlichen zu kommen.

Eine bewusste Planung der Reflexionsschritte mit ihren jeweiligen Fragen und Aktivierungen gibt immer mehr Sicherheit.

Tiefgang, Ernsthaftigkeit und Spaß sowie konkrete Umsetzungsschritte sind Vorteil und Nutzen der bewussten aktiven Reflexion.

Quelle
Friebe, Jörg „reflektierbar“ 2016 ManagerSeminare Verlag, Bonn#

Die Reflektierbar enthält neben einigen Ecksteinen zur Reflexion 10 x 10 Aktivierungen. In den Fortbildungen der Traineraus- und Weiterbildung zieht sich das erlernen tiefgreifender Reflexionsmoderationen durch wie ein roter Faden.

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